Genossenschaften zeigen in Bühl, was in einer Rechtsform steckt

Gesucht war der gemeinsame Nenner: Was hat eine Winzergenossenschaft mit einer Volksbank gemeinsam, die ZG Raiffeisen mit Friedhofsgärtnern oder ein Obstgroßmarkt mit einer Bau-genossenschaft: die Rechtsform der „eingetragenen Genossenschaft“. „Ein unsichtbares Band hält sie zusammen, macht sie zum Teil einer großen Familie“, erklärte Verbandsdirektor Herbert Schindler vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband am Montag anlässlich eines Pressegesprächs. „Es geht um die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft.“ Immerhin sei jeder dritte Einwohner in unserem Bundesland Mitglied einer Genossenschaft.

Genossenschaftstag am Samstag, 2. Juli
Am kommenden Samstag wollen zahlreiche Genossenschaften aus der Region Mittelbaden ihre Rechtsform erlebbar machen und einen Einblick geben, wer alles zu der großen genossenschaftlichen Familie gehört. Der „Genossenschaftstag“ wird um 10 Uhr von Oberbürgermeister Hans Striebel als Schirmherr und Herbert Schindler auf dem Markt-/Kirchplatz in Bühl eröffnet.

Fabian Hambüchen und zwei Königinnen auf dem Markt-/Kirchplatz
Turnstar Fabian Hambüchen plaudert um 11 Uhr mit Moderatorin Heike Greis über seinen Sport und steht anschließend für eine Autogrammstunde zur Verfügung. Der Reck-Weltmeister ist Botschafter für die Auszeichnung „Sterne des Sports“, die der Deutsche Olympische Sportbund und die Volksbanken Raiffeisenbanken bundesweit vergeben.

Um 13 Uhr spenden die Genossenschaften an die Lebenshilfe der Region Baden-Baden/Bühl/Achern. Dann geben sich zwei Königinnen die Ehre: Heike Greis wird Weinkönigin Jenny I. und Zwetschgenkönigin Francesca I. um 13.30 Uhr zum Interview auf die Bühne bitten. Natürlich ist für Essen und Trinken gesorgt bei guter Unterhaltung für Groß und Klein.

Die Information soll dabei nicht zu kurz kommen: Die Volksbanken Raiffei-senbanken der Region stellen sich vor, Winzergenossenschaften der Ortenau, ZG Raiffeisen eG und das Raiffeisen Baucenter, die Genossen-schaft Badischer Friedhofsgärtner eG, der OGM Obstgroßmarkt Mittelbaden eG, die Baugenossenschaft Familienheim eG, der Gewinnsparverein Südwest e.V., die genossenschaftliche Finanz-Gruppe und die Audit GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Am Stand des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbandes wird erläutert, wie sich schon ab drei Mitgliedern eine Genossenschaft gründen lässt.

Anlass: der Internationale Tag der Genossenschaften
Der erste Samstag im Juli ist der Internationale Tag der Genossenschaften; dies hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Jahr 1992 beschlossen. Das ist der Anlass für den Genossenschaftstag, der erstmals in Bühl stattfindet, so Schindler.

Die Idee hinter der Rechtsform
„Immer heißt der genossenschaftliche Grundgedanke: Wir bündeln unsere Kräfte, um gemeinsam etwas zu bewegen, als Hilfe zur Selbsthilfe, um selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen.“ So beschreibt Herbert Schindler die Idee, die hinter der „eingetragenen Genossenschaft (eG)“ steckt. „Selbstbestimmt, nicht fremdbestimmt ist der Wesenszug von Genossenschaften.“

Eigenverantwortung und Selbstverwaltung seien die zwei großen Säulen jeder Genossenschaft. Die dritte Säule sei die Solidarität. „Ein Mitglied – eine Stimme“ heiße das demokratische Grundprinzip. Das bedeute, dass sowohl „größere“ wie „kleinere“ Mitglieder, unabhängig von ihrer Kapitalkraft, gleichgewichtet sind, dieselben Rechte und dieselben Pflichten haben.

Im Zeichen der Globalisierung sei ein weiterer Aspekt von Bedeutung: Die Rechtsform der Genossenschaft schließe eine feindliche Übernahme aus. Strukturelle Veränderungen seien nur mit Dreiviertel-Mehrheiten möglich. „Dies verleiht unserer Unternehmensform eine große Stabilität.“

Genossenschaftsverband verzeichnet Gründungsboom
„Wichtige Rolle bei der Energiewende“
Der Genossenschaftsverband verzeichne in den letzten Jahren einen regel-rechten Gründungsboom von Genossenschaften, sagte Schindler in diesem Zusammenhang. „Im Jahr 2010 konnte der Baden-Württembergische Ge-nossenschaftsverband 42 junge Genossenschaften als neue Verbandsmit-glieder begrüßen, im Vorjahr waren es bereits 34.“

Die Überarbeitung des Genossenschaftsgesetzes im Jahr 2006 habe dazu wesentliche Impulse gegeben. Nun kann eine Genossenschaft über den wirtschaftlichen Auftrag hinaus auch auf die sozialen oder kulturellen Belan-ge der Mitglieder ausgerichtet sein. Darüber hinaus wurden Regelungen eingeführt, die die Neugründung von Genossenschaften erleichtern.

Der Schwerpunkt der Neugründungen liegt im Bereich Energie. „Das Rechtskleid der Genossenschaft gibt die Möglichkeit, in Eigeninitiative von vielen Bürgern Kapital für Fotovoltaik-, Windkraft- oder Nahwärmegenossenschaften aufzubringen. 60 Energie-Genossenschaften in Baden-Württem¬berg beweisen das“, betonte Schindler. „Die Genossenschaften wollen bei der Energiewende in Deutschland eine wichtige Rolle spielen. Wer auf dezentrale Energieversorgung setzt, kommt an genossenschaftlichen Lösungen nicht vorbei.“ Die „meg Mittelbadische Energiegenossenschaft eG“ stellt sich am Stand des Genossenschaftsverbandes vor.

Volksbanken Raiffeisenbanken
Die genossenschaftliche Gruppe der Volksbanken Raiffeisenbanken charakterisierte Claus Preiss, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Bühl eG. Die genossenschaftliche Rechtsform, die Mitgliedschaft, binde die Volksbanken und Raiffeisenbanken an die Menschen und an die mittelständischen Unternehmen einer Region, betonte er. „Volksbanken Raiffeisenbanken stehen im Dienste der Realwirtschaft in der Region, sie sind konsequent auf das Geschäft mit ihren Mitgliedern und Kunden in ihrem Geschäftsgebiet ausgerichtet.“ Dieses Geschäftsmodell habe sich im weltwirtschaftlichen Orkan der Finanzkrise hervorragend als nachhaltiges Geschäftsmodell bewährt.

„Wir waren nicht unter den Verursachern der Krise, wir waren und sind ein Pfeiler der Stabilität für den Mittelstand, wir sind ein zuverlässiger Kreditge-ber geblieben“, unterstrich Claus Preiss zum Profil seiner Gruppe. Er kritisierte allerdings massiv, wie mit den Folgen der Finanzkrise umgegangen wird. „Die Reaktionen der Politik auf die Finanzkrise sind ein Desaster und auch ineffizient. An den großen Risiken für das Finanzsystem hat sich nichts geändert, der Steuerzahler kann mehr denn je von systemrelevanten Banken erpresst werden.“

Die Volksbanken und Raiffeisenbanken fordern deshalb, so Preiss, in der Bankenaufsicht konsequent zwischen systemrelevanten, grenzüberschreit-endenden Banken und nicht-systemrelevanten, regionalen Banken zu tren-nen. Die neuen Regeln von Basel III dürfen nur für große Banken kommen, betonte er. „In den Eigenanlagen der systemrelevanten Banken stecken die Gefahren, nicht in den Krediten, die die Volksbanken und Raiffeisenbanken dem Mittelstand geben.“

In Baden-Württemberg gibt es 232 Volksbanken und Raiffeisenbanken mit zusammen 3.354.473 Mitgliedern. Das bedeutet: Jeder dritte Einwohner in unserem Bundesland ist Mitglied einer genossenschaftlichen Bank.

Wohnungsbau-Genossenschaften
Claus Preiss erläuterte als Aufsichtsratsmitglied der Baugenossenschaft Familienheim Mittelbaden eG auch die Besonderheiten der Wohnungsbau-Genossenschaften. „Genossenschaftliches Wohnen wird oft als ‚Dritter Weg’ zwischen Eigentum und Miete bezeichnet“, sagte er. Es biete aufgrund des lebenslangen Wohnrechts die Sicherheit von Eigentum und sei dabei so flexibel wie ein Mietverhältnis.

Getreu den demokratischen Grundsätzen der Genossenschaften seien Mit-glieder immer auch Miteigentümer und haben somit ein Mitbestimmungs-recht. „Diese Selbstbestimmung fördert den verantwortungsvollen Umgang mit dem genossenschaftlichen Gut und motiviert die Bewohner zu nachbar-schaftlicher Solidarität.“ Die Baugenossenschaft Familienheim Mittelbaden eG ist mit insgesamt 1.000 Wohnungen einer der großen Wohnungsanbieter in der Region.

Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften:
Raiffeisen-Genossenschaften
Dr. Ewald Glaser, Vorstandsvorsitzender der ZG Raiffeisen eG, Karlsruhe, zeigte auf, wer alles zur Gruppe der Waren- und Dienstleistungsgenossen-schaften zählt. Eine Säule sind die Raiffeisen-Genossenschaften. „Für alle Märkte, auf denen sich Landwirte bewegen, haben sie Genossenschaften gegründet. Das gilt für die Vermarktung von Getreide und Milch, Obst und Gemüse, Wein und Vieh. Die Raiffeisen-Genossenschaften versorgen ihre Mitglieder aber auch mit Betriebsmitteln, z. B. Futtermittel, Düngemittel, Maschinen; sie bündeln die Nachfrage, um günstige Preise zu erzielen.“

„Die genossenschaftliche Unternehmensphilosophie ist in der Landwirtschaft aktuell wie eh und je“, unterstrich Dr. Glaser. Es gehe darum, die Kräfte gegenüber mächtigen, stark konzentrierten Partnern auf der anderen Seite des Marktes zu bündeln. „Die Genossenschaft ist der verlängerte Arm der Landwirte bis in die Regale des Einzelhandels hinein.“ Dabei bewahre sich der Landwirt ein Mitspracherecht. „Die ehrenamtlichen Vertreter der Landwirte im Vorstand und im Aufsichtsrat einer Genossenschaft bestimmen die Investitions-, Produktpolitik und Vermarktungsstrategie. Über die Rechnungslegung vor den Mitgliedern in der Generalversammlung und mit Unterstützung der genossenschaftlichen Prüfung sind Genossenschaften für ihre Mitglieder gläserne Unternehmen.“

In Baden-Württemberg stehen 379 landwirtschaftliche Genossenschaften im Dienste ihrer Mitglieder. 114.960 Landwirte aus dem ganzen Land sind als Mitglieder die Eigentümer dieser Genossenschaften. „Die Ortenau ist ein Paradies für Wein und Obst“, ergänzte Dr. Glaser. Vier Winzergenossenschaften aus der Ortenau und der Obstgroßmarkt Mittelbaden aus Oberkirch präsentieren sich und ihre Erzeugnisse in Bühl.

Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften:
Gewerbliche Genossenschaften
Die zweite Säule der Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften bilden die gewerblichen Genossenschaften. In dieser Gruppe sind vor allem Fach-Einzelhändler und Handwerker zusammengeschlossen. Die Genossenschaften sind dort unentbehrlich, um die selbstständige Existenz des Mittelstandes zu sichern.

Darüber hinaus gebe es eine große Vielfalt von Dienstleistungs- und weite-ren Genossenschaften. „Gerade diese Vielfalt zeigt, wie die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft lebt, auf wie viele Bedürfnisse sie anzuwen-den ist: auf Omnibusunternehmer und Fachübersetzer, auf Ärzte und Schu-len, auf Designer und Reisebüros, auf Dorfläden, auf die Energieerzeugung und auf den Maschinenbau genauso wie auf Pflegeheime.“

In Baden-Württemberg stehen 173 gewerbliche Genossenschaften, große wie kleine, lokale wie international aktive, im Dienste von 31.295 Mitgliedern.

Das Programm finden Sie hier.

27. Juni 2011

 
 

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Reinhard Bock-Müller Pressesprecher
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